1000 UND EINE GESCHICHTE AUS DEM FRANCKVIERTEL
Das Franckviertel ist ein multiethnisch geprägter Stadtteil. Voraussichtlich wird der Zuzug an Menschen unterschiedlicher Herkunft andauern. Integration als wechselseitiger Prozess zwischen aufnehmender Gesellschaft und zugewanderter Bevölkerung wird zunehmend an Relevanz gewinnen müssen. Zum zentralen Ziel eines Zusammenlebens im Stadtteil wird daher die gegenseitige Anerkennung kultureller Vielfalt sowie gleichberechtigtes Miteinander unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen.
Im Franckviertel leben Menschen unterschiedlicher Kulturen als Nachbarn und pflegen in der Regel auch gute Beziehungen zueinander. Trotzdem sieht eine Vielzahl von BewohnerInnen der Herkunftsgesellschaft die Zuwanderung mit Sorge und nimmt sie als Gefährdung wahr. Wie ein Mythos wird die Erzählung vom gefährlichen Fremden weitergegeben. Dieses Phänomen spiegelt sich etwa in Gesprächen mit Menschen auf der Straße und wurde zuletzt im Rahmen der BürgerInnenbefragung 2004 empirisch erhoben.
Anspruch und Zielsetzung
Das Stadtteilkulturprojekt „Geschichten aus dem Franckviertel” machte sich auf die Spur von Alltagswelten im Franckviertel. Auf unterschiedliche Weise wurden Geschichten von BewohnerInnen, ihrem gelingenden Alltag, ihren Freund- und Nachbarschaften, ihren Verbindungen zur Herkunftskultur, ihren Fragen und Sorgen, etc. gesammelt und zusammengetragen. Ziel des Projektes war eine Sensibilisierung der BewohnerInnen für eine gesellschaftliche Vielfalt, aus der sich gegenseitiger Respekt entwickelt. In der Auseinandersetzung mit den Lebens- und Alltagsgeschichten entsteht neues Bewusstsein - herkömmliche Einstellungen wurden hinterfragt und verändert.
Die Darstellung sozialräumlicher Lebenswelten vermittelt einen Einblick in Verhältnisse eines Linzer Stadtteils. Für Außenstehende gewährt sie Einsicht auf lokale Lebensbedingungen unter globalisierten Verhältnissen und gibt Auskunft über spezifische Formen einer darin gelingenden Alltagskultur.
Sammeln der Geschichten
Die Phase des Sammelns von Geschichten begann bereits Ende 2008, und damit auch das Vernetzen, das Kennen- und Verstehenlernen der BewohnerInnen und lokalen AkteurInnen untereinander. Es wurde ein langsamer Prozess angestoßen, der über die Sammelphase und den „Kulturhauptstadtteil des Monats” September 2009 hinaus auch weiter reichen wird:
Kinder und Jugendliche waren in diesem Projekt besonders zur Teilnahme eingeladen. Mit Unterstützung von LehrerInnen und PädagogInnen sammelten, filmten, malten und fotografierten junge FranckviertlerInnen ihre unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten und -geschichten und nahmen bzw. schrieben diese auf. Sie erhielten Unterstützung in den Bildungseinrichtungen und an Orten sozio-kultureller Angebote.
BewohnerInnen, die öffentliche Einrichtungen im Stadtteil besuchen, wurden gebeten, ihre Geschichten vom Leben im Stadtteil zu erzählen. Das „Permanent Breakfast” setzte einen Schwerpunkt „Leben in der Nachbarschaft” und lud die Frühstückenden ein, ihre Erfahrungen im Haus und im Quartier zu schildern.
Gleiches galt für den wöchentlichen Frauentreff im ElternKindZentrum, für die Pfarrgemeinde, für den Sportverein, den „Club der Alteingesessenen”, für die Schrebergartler, etc. Ziel war es, möglichst facettenreich und dicht ein Abbild unterschiedlicher Kulturen des Stadtteils zu erhalten.
Ein Fragebogen „Menschenbilder” hilft BewohnerInnen, Geschichten aus ihrem Leben, aber auch Sehnsüchte und Wünsche zu formulieren und diese stichwortartig und anonymisiert abzugeben. Auch persönliche Fotos wurden entgegengenommen.
FranckviertlerInnen wurden in den vergangenen Monaten auch eingeladen, Forumtheater-Szenen zu entwickeln: Diese Geschichten erzählten vom Lebensraum Franckviertel und betrachteten bestehende (Ohn)Macht-Verhältnisse und damit korrespondierende Konflikte. Stadträume wurden auf diese Weise thematisiert, generative Themen aufgespürt und einer Verhandlung zugeführt.
Präsentation
Die „Geschichten aus dem Franckviertel” wurden im Freien erzählt, im öffentlichen Raum, auf den Straßen, Plätzen und Höfen der einzelnen Quartiere. Durch einfache Interventionen und Nutzung der außergewöhnlichen städtebaulichen Beschaffenheit und Qualität der Freiräume öffneten sich neue Zugänge für breite BewohnerInnen- und BesucherInnengruppen.
