Nicht zufällig wurde die vom französischen Soziologen Henri Lefebvre in den 1960er Jahren geprägte Forderung leicht abgewandelt zum Leitspruch von „Kulturhauptstadtteil des Monats” erkoren. Als Anfang 2007 damit begonnen wurde, die von Univ.-Prof. Dr. Ingo Mörth von der Johannes Kepler Universität bei Linz09 eingereichte Idee zu entwickeln, stand die Frage nach dem Status quo der Beziehungen der Stadt Linz mit ihren BewohnerInnen und umgekehrt im Vordergrund. Wie muss ein Programmpunkt einer Kulturhauptstadt gestaltet sein, der die Stadt selbst zum Thema macht und nur durch Partizipation zu realisieren ist?
Monate der intensiven (Feld-)Forschung und viele Gespräche folgten. Diese waren für die Erarbeitung der Ausschreibungskriterien ebenso wichtig wie die von Linz09 gemeinsam mit der Stadt Linz in Auftrag gegebene Studie, in der Ingo Mörth und sein Team die gelebten Kulturensembles in Linz untersuchten. Die Ergebnisse zeigten u.a. auf, dass die Linzer Bevölkerung eher selten die eigene Stadt erkundet, sondern sich in ihrem Handlungsspielraum vielmehr auf Wohnumgebung, Zentrum und die üblichen Naherholungsgebiete konzentriert. Kaum jemand war jemals zum international aus mehreren Gründen viel beachteten Stadterweiterungsgebiet solarCity gefahren, und wenige sahen einen Anlass, das im Süden gelegene Auwiesen oder das Franckviertel nahe der Voestalpine kennenzulernen.
Städte aber sind lebende und sich ständig verändernde Organismen, die durch das Zusammenwirken der unterschiedlichsten Elemente funktionieren, recht und schlecht vielleicht oder aber auch ganz gut. Ein Leben in der Stadt sollte getragen werden vom Bewusstsein, dass eine Stadt sich nur deshalb so gestaltet, weil alle dazu beitragen, oder aber ihren Beitrag auch (bewusst) verweigern. Welche demographische Rolle kommt aus gesamtstädtischer Sicht etwa den nunmehr gefragten und sehr überalteten Wohngegenden am Bindermichl und Spallerhof zu? Was bedeuten sie in historischer Hinsicht und damit in Bezug auf das zeitgeschichtliche Bewusstsein der Stadt - immerhin wurden sie vor allem für die ArbeiterInnen der damaligen „Hermann-Göring-Werke” erbaut und tragen umgangssprachlich bis heute den Namen „Hitler-Bauten”?
Eine erste wichtige Motivation, das Projekt umzusetzen, war demnach die Idee, die Stadt größer zu machen, indem sie erstens in ihrer vollständigen Ausweitung sichtbar gemacht wird und in einem zweiten Schritt Anlässe zur verstärkten Mobilität - wie von uns empfohlen am liebsten mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder per Fahrrad - geboten werden.
Die einleitend zitierte Forderung von Henri Lefebvre war die zweite Ambition des Projekts. Während BürgerInnenbewegungungen und Quartiers- bzw. Grätzelmanagement in Deutschland und mittlerweile auch in Wien Tradition bzw. sich gefestigt haben, steht Linz in dieser Hinsicht noch am Anfang. Gerade mal zwei Stadtteilbüros agieren in der Stadt, viel zu wenige, wie die Arbeit in den drei Jahren zeigte. Wer übernimmt in den anderen Stadtteilen die Kommunikation zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, zwischen Generationen und Kulturen, denn z.B. kommt immerhin knapp ein Viertel der Linzer Bevölkerung ursprünglich aus einem anderen Land? Wer bündelt ihre Interessen, agiert als Diplomat und Botschafter nach dem bottom-up - Prinzip?
Zunächst als Pilotversuch, wurde im Herbst 2007 damit begonnen, die in den zwölf Linzer Kulturstadtteilen aktiven Institutionen, Vereine, Gruppen und BewohnerInnen zu Runden Tischen einzuladen. Die ganze Stadt sollte aktiv das Programm der Kulturhauptstadt mitgestalten. Die durch die langen und intensiven Vorbereitungen erarbeiteten Ausschreibungskriterien waren ambitioniert: Projekte in einer möglichst intensiven Dichte an Vernetzung von BewohnerInnen, Vereinen, Institutionen und Organisationen sollten entstehen. Das Thema sollte der eigene Stadtteil, also die gemeinsam geteilte Umgebung sein. Was fehlt hier, was zeichnet den Stadtteil aus? Zudem galt es, einen ganzen Monat lang jeweils einen Stadtteil zu bespielen, mit einem innovativen, charmanten und kreativen Programm mit einem pro Stadtteil auf maximal Euro 10.000,- festgelegtem Produktionskostenbeitrag.
Durch die hohe Beteiligung und das große Interesse der StadtteilbewohnerInnen an den Runden Tischen war bald offensichtlich, dass aus dem Pilotversuch ein großes und spannendes Projekt entstehen würde.
Zwischen November 2007 und Juni 2008 wurden insgesamt 42 Projekte eingereicht. Das Team von „Kulturhauptstadtteil des Monats” begleitete die EinreicherInnen auf deren Wunsch von Beginn an - immerhin hatten viele Interessierte noch keine oder wenig Erfahrung im Verfassen von Projektkonzepten oder Erstellen von Budgets. Zudem engagierten sich die meisten der ProjektautorInnen neben ihrem ohnehin dichten Alltag und verfügten daher über limitiertes Zeitpotential. Daher gab es vom Team von „Kulturhauptstadtteil des Monats” auch Unterstützung bei der Suche nach potentiellen KooperationspartnerInnen bzw. Sponsoren, Hilfe bei der produktionstechnischen Umsetzung und die Übernahme der gesamten Kommunikations- und Öffentlichkeitsarbeit. So erschien die viersprachige Programmpublikation zu „Kulturhauptstadtteil des Monats” in großer Auflage bereits im Herbst 2008 und wurde flächendeckend in der ganzen Stadt verteilt. In dieser Publikation gab es auch Information über die drei Stadtteile, in denen kein Projekt im Rahmen von „Kulturhauptstadtteil des Monats” stattfand, indem mit Hilfe der von Univ.-Prof. Dr. Ingo Mörth und seinem Team erstellten Studie „Linzer Kulturstadtteile heute” jeweils ein kleines kulturelles Stadtteilporträt erstellt wurde.
Das Experiment ist geglückt, das zeigen nicht nur die Zahlen der Beteiligten, sondern auch die BesucherInnenstatistik. Menschen hatten sich und gemeinsame Ideen gefunden: An den insgesamt elf Projekten, die 2009 im Rahmen von „Kulturhauptstadtteil des Monats” in 9 Linzer Stadtteilen stattfanden, waren mehr als 60 Einzelpersonen aktiv sowie über 50 Vereine, Institutionen und Organisationen - vom Elternverein, Schulen und Stadtteilbüro über Diözesen, NGOs, MigrantInnen-, Sport- und Kulturvereine bis zu Universitätsinstituten, Wohnbaugenossenschaften und Blasmusikkapellen - also mehrere Hundert Personen beteiligt. Die Programmpunkte waren dabei so vielfältig und unterschiedlich wie die Stadtteile selbst: Ausstellungen und Filme entstanden dabei ebenso wie neue Begegnungszonen im öffentlichen Raum. Und die Linzer Bevölkerung machte begeistert mit, über 14.000 BesucherInnen machten das deutlich.
Alle „Kulturhauptstadtteile des Monats” waren im Rahmen der Linz09-Programmschiene „Sonntagmorgen” im Sommer 2009 auch zu Gast bei „Bellevue. Das gelbe Haus” und stellten sich, das Projekt und die Beteiligten vor.
Auch dem „Kunstpalast” der „Herren Juhann und Jod” kam in diesem Prozess eine wichtige Rolle zu. Sie begleiteten das Geschehen, waren Kommunikationszentrum ebenso wie offene Bühne und zelebrierten mit ihrem „Licht der Kunst” die Übergaben von einem Stadtteil zum nächsten, ein feierlich-amüsanter Rahmen zwischen Abschied und Neubeginn.
